Komplexität „Digitalisierung“ bewältigen – Intuitiv erfassen und rational durchdringen

Komplexität erzeugt Unsicherheit. Um vom Zustand der Unsicherheit zu mehr Sicherheit zu kommen sind Veränderungen erforderlich. Jede Veränderung des Status quo erfordert Entscheidungen. Je komplexer Veränderungen sind, umso größer ist das Risiko einer Fehlentscheidung. Unser Gehirn ist darauf ausgelegt Risiken zu vermeiden und Energie zu sparen. Dazu bilden wir Routinen aus. Wir wägen täglich ab, ob der Aufwand für eine Veränderung durch den Nutzen gerechtfertigt ist. Damit trifft jede Veränderung zunächst einmal auf Widerstand unserer Routinen und Komfortzone.

Unternehmen sehen sich seit geraumer Zeit in Zusammenhang mit der Digitalisierung mit komplexen Veränderungen konfrontiert, die in den letzten Jahrzehnten keinen Vergleich finden. Über die weltweite Vernetzung und Verfügbarkeit von Informationen haben sich die Machtpositionen an mehreren Stellen quasi um 180 Grad gedreht. Einerseits vom Anbieter zum Nachfrager und andererseits vom Arbeitgeber zum Arbeitnehmer. Damit hat sich das externe und interne Wirkungsumfeld nahezu aller Organisationen auf den Kopf gestellt. Die bekannten Erfolgsmuster funktionieren nicht nur nicht mehr, sondern wirken massiv verstörend und kontraproduktiv. Wenn Geschäftsmodelle, Kunden- und Mitarbeiteranforderungen sich „auf einmal“ komplett ändern, dann erfordert dies die Fähigkeit mit Komplexität richtig umzugehen.

Komplexität bedeutet, dass einzelne Veränderungen und Probleme nicht isoliert betrachtet und gelöst werden können. Alles hängt mit allem zusammen. Werden die Kosten in der Entwicklung gekürzt, dann fehlt die Innovationskraft. Wird den Entwicklern Druck gemacht, dann verlassen diese das Unternehmen. Das Management hat so viele Baustellen, dass es definitiv keine Zeit hat alle Projekte mit ausreichender Intensität zu unterstützten. An dieser Stelle zeigt es sich, ob der Umgang mit Komplexität bewusst im Rahmen einer klaren Vision erfolgt oder Entscheidungen im Stakkato der Dringlichkeit aus einer vom Tagesgeschäft determinierten Perspektive getroffen werden.

Es gibt vier beobachtbare Basisstrategien, wie Menschen mit Komplexität umgehen. Zwei der Strategien sind lösungsorientiert auf die Bewältigung der Komplexität ausgerichtet und die zwei anderen vermeidungsorientiert auf das Ausblenden und Verdrängen von Komplexität. Jeweils eine der Lösungs- und Vermeidungsstrategien ist dominiert von rationalem und analytischem Verhalten und die anderen zwei repräsentieren mehr das Emotionale und Kreative, wie Menschen Komplexität begegnen. Während die strategische Herangehensweise der emotionalen und kreativen Variante bestimmt ist, „ausgehend vom Ganzen die Details zu erkennen“, zeichnet sich die rationale und analytische Herangehensweise dadurch aus, „aus der Kenntnis der Details das Ganze zu verstehen“.

Rational-analytisch Emotional-kreativ
Lösungsorientiert Rationales Durchdringen Intuitives Erfassen
Vermeidungsorientiert Systematisches Ausblenden Emotionales Verdrängen

Vier Basisstrategien im Umgang mit Komplexität

Die vermeidungsorientierten Strategien

Dörner weist in seinem Buch „Die Logik des Misslingens“ auf die weit verbreiteten vermeidungsorientierten Strategien im Umgang mit Komplexität hin: „Es gibt für jedes Problem eine eindeutige Lösung, solange man ignoriert oder nicht weiß, womit man es bei komplexen Systemen zu tun hat. Wenn dann alles ganz anders kommt, als man dachte, ärgert man sich, findet aber gewiss eine Ursache, die dafür verantwortlich gemacht werden kann, und die wieder nichts mit eigenen Denkfehlern und den Eigenwirkungen komplexer Systeme zu tun hat.“[1]

Systematisches Ausblenden von Komplexität

Komplexe Probleme werden dabei auf wenige Kriterien reduziert und das Ganze ignoriert. Im Geschäftsleben und privaten Bereich ist vielfach zu beobachten, dass Entscheidungen unter Anwendung dieser Strategie letztendlich nur noch auf den Preis reduziert werden. Nach dem Motto: „Ich verstehe zwar die Welt nicht mehr, aber den billigsten Anbieter finde ich noch heraus.“ Komplexität wird mit einer vermeintlichen „Simplify your life“[2]-Strategie unzulässig trivialisiert.

Die Verdrängung von Komplexität

Eine Fähigkeit, welche viele Menschen intensiv trainiert haben, ist Komplexität zu verdrängen. Dabei werden bewährte Denkhaltungen aktiv verteidigt, anstatt diese in Frage zu stellen. Die Fähigkeiten zu reflektieren und zu lernen werden nicht genutzt. Statt die Ursachen für Probleme bei sich und in seinem Umfeld zu suchen, wird die Schuld für die Situation bei anderen verortet.

Ausblenden als Strategie kann zu gefährlichen Realitätsverkennungen führen. Gekoppelt mit einer Machtposition kann ein Selbstschutzmechanismus ausgelöst werden, der andere Sichtweisen pauschal unterdrückt.

Eine Führungskraft mit entsprechenden Verhaltensweisen wird ihre Sicht auf die Welt gegenüber allen Kollegen und Mitarbeitern als überlegt und angemessen vertreten. Durch die Machtposition besteht die große Gefahr, dass nach dem von Elisabeth Noelle-Neumann beschriebenen Prinzip der „Schweigespirale“[3] sich jeder in der Organisation seinen Teil denkt, jedoch nichts sagt. Die moderne Version dieser Erkenntnis von Gunter Dueck ist die der „Schwarmdummheit“[4]. Danach ist die Intelligenz im Team geringer als die jeder Person für sich.

Praktische Auswirkungen

In mittelständischen Unternehmen, die in den letzten Jahren ein gewaltiges Wachstum hingelegt haben, sind Vermeidungsstrategien auf der Tagesordnung. Unter dem Motto „Hitting the wall on growth“ ist zu beobachten, dass die Strukturen, Prozesse, IT-Systeme sowie Kompetenzen vieler Führungskräfte vom 25 Mann zum 250 Mann-Betrieb nicht entsprechend dem Personalstand und Umsatz mitgewachsen sind. Denk- und Verhaltensweisen, die auf ein systematisches Ausblenden erforderlicher Managementinstrumente hinweisen, sind beispielsweise, dass auf Nachkalkulationen, Kostenrechnung, korrekte Stammdaten, klare Aufgaben und Verantwortungen oder die Auseinandersetzung mit Rechtspflichten weitgehend verzichtet wird.

Denk- und Verhaltensweisen, die auf eine Verdrängungsstrategie hinweisen, scheinen kurios, sind aber immer wieder zu beobachten: Langjährige Know-how-Träger verlassen das Unternehmen oder gehen in Elternzeit und die verantwortliche Führungskraft denkt erst zwei Tage vor dem endgültigen Abschied über eine Übergabe nach. Oder es werden vom Kunden definierte „marktfähige Preise“ akzeptiert, obwohl diese unter den kalkulierten Preisen liegen: „Ansonsten verlieren wir zukünftige Aufträge auch noch!“

Werden die Margen geringer, gleicht es einem Würfelspiel, ob ein einzelner Auftrag noch die Grenzkosten erwirtschaftet, profitabel ist oder das Gesamtergebnis belastet. Die Komplexität steigt gefühlt ins Unermessliche, wenn zu diesen wachstumsverursachten Defiziten auch noch die Herausforderungen der Digitalisierung kommen.

Die lösungsorientierten Strategien

Komplexität rational durchdringen

Eine zeitaufwändige, jedoch Erfolg versprechende Strategie besteht darin, Komplexität über die Details in ihrem Wirkungszusammenhang als Ganzes zu verstehen, d.h. rational zu durchdringen. Das Vorgehen, Komplexität in ihren Zusammenhängen aus einer ganzheitlichen Perspektive zu begreifen, ist für Lösungsanbieter, die ihre Lösungen proaktiv und zukunftsorientiert weiterentwickeln möchten, weitgehend alternativlos. Das Ganze zu durchdringen bedeutet in einer digitalen Welt nicht nur Produktqualität, es geht vielmehr darum, die Kundenwünsche von morgen zu verstehen und die gesamte Organisation agil darauf auszurichten. Es ist angesagt, nicht auf aktuelle Nachfrage zu arbeiten, sondern sich vorzustellen was in der Zukunft nachgefragt werden wird.

Komplexität mit Intuition bewältigen

Das rationale Durchdringen komplexer Anforderungen setzt zunächst voraus, dass diese intuitiv im Rahmen der Vorstellungskraft erfasst werden. Ein Prinzip auf dem Weg zum Erfolg ist laut Covey „alles zweimal zu schaffen. Einmal im Geist und ein zweites Mal in der Realität“[5]. Bei der Bewältigung von Komplexität durch Intuition ist zu beachten, dass Führungskräfte, die auf intuitiver Basis Entscheidungen bewusst treffen, an ihre Entscheidungen glauben und von deren Richtigkeit immer überzeugt sind. Der Organisationspsychologe Peter Kruse sagte in einem Gespräch: „Bevor ich mich der Intuition eines Menschen anvertraue, prüfe ich, in welchem Rahmen dieser seine intuitive Kraft entwickelt hat und ob er noch ‚up to date‘ ist.“ [6]. In seinem Verständnis müssen Führungskräfte Erfahrungen mit Krisen gemacht haben, die heute Gültigkeit haben. Wenn die Krisen, welche die Basis der intuitiven Entscheidung sind, zu weit von der aktuellen Wirklichkeit weg sind, dann reagiert der Entscheider intuitiv auf eine völlig falsche Rahmenwelt. Die Frage ist, ob der Entscheider ein intuitiver Experte von heute oder von gestern ist.

Mittlerweile hat eine Vielzahl von Unternehmen eine sehr verlässliche Intuition entwickelt, welche kulturellen und strategischen Erfolgsursachen in der digitalen Welt generisch und welche optional sind. Eine essenzielle Erfolgsursache ist die kulturelle Verankerung des Prinzips „Eigenverantwortung“ in der gesamten Organisation. Wer dieses Prinzip und die daraus resultierende neue Managementlogik in Frage stellt, wird sich enorm schwer tun, seine Mannschaft in die digitale Zukunft zu führen.

Fehlt die Intuition, dann ist Verdrängen an dieser Stelle keine gute Überlebensstrategie. Vielmehr gilt das Motto: Wer früher beginnt, der lebt länger.

Intuitiv und agil – Komplexität hybrid bewältigen

Agilität wird heute immer wieder als Lösung für die Bewältigung von Komplexität gepriesen. Einer komplexen Systemherausforderung mit einer iterativ testenden Vorgehensweise zu begegnen ist vergleichbar mit dem Versuch, das Weltall über ein Teleskop zu erfassen. Eine „Trial and error“-Strategie ist auf Dauer keine Lernstrategie, um Komplexität zu bewältigen. Das rationale Durchdringen eines komplexen Ganzen über Versuch und Irrtum alleine ist nicht Erfolg versprechend. Eine iterativ testende Vorgehensweise (induktiver Ansatz) sollte in einem unberechenbaren Wirkungsumfeld Bestandteil einer hybriden Vorgehensweise sein. Hybrid bedeutet einerseits zu versuchen, die Zusammenhänge und Schnittstellen der Teilsysteme im komplexen Ganzen aus einer deduktiven ganzheitlichen Perspektive intuitiv zu erfassen und andererseits die als autonom erkannten Teilsysteme über eine Methode der iterativ testenden Agilität in die Realität zu bringen.

Vision als Voraussetzung für Intuition und rationales Durchdringen

Um Komplexität mit Intuition bewältigen zu können, ist eine klare und sinnstiftende Vision Voraussetzung. Wer investiert ernsthaft seine kostbare Zeit in intensive Überlegungen, um kreative Lösungen zu finden, wenn er nicht von dem großen Ziel und seinem eigenen Beitrag dazu überzeugt ist? Deshalb ist ein klares Ziel der Auslöser für kreative Ideen durch Intuition. Die Wirkung eines Ziels als Attraktor steigt, je mehr das Ziel mit den persönlichen Bedürfnissen und der Leidenschaft des Zielinhabers in Einklang steht. Attraktive Ziele haben eine intrinsische Motivationswirkung. Wer anspruchsvolle Ziele vorgibt, ohne sicherzustellen, dass sich die Menschen damit identifizieren, wird vergeblich auf Erfolg warten.

Führungsassistenzsystem zur umfassenden Komplexitätsbewältigung

Albert Einstein erkannte, dass man „Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen [kann], durch die sie entstanden sind.“ Auf das Thema Digitalisierung bezogen bedeutet dies, dass die bewährte Denkweise lautet: „Der Wandel hin zur Digitalisierung kann ohne Digitalisierung bewältigt werden.“ Unter Wandel ist der kulturelle Transformationsprozess an sich gemeint. Das zeigt sich in Aussagen wie diesen: „Man muss die Leute abholen.“ „Eins nach dem anderen machen!“ „Wir wollen niemanden überfordern.“ „Nicht noch ein weiteres Tool!“

Fakt ist, dass die enorme Komplexität des bisherigen Wachstums und der jetzt notwendigen Bewältigung der Digitalisierung in vielen Fällen bereits zu einer massiven Überforderung von Organisationen geführt hat. Eins nach dem anderen zu machen ist nicht möglich, da alles in einem vernetzten Zusammenhang steht. Die Kunst ist, sich sehr schnell einen Überblick über die Zusammenhänge zu verschaffen. Die „Leute ab[zu]holen und nicht [zu]überfordern“ ist wichtig – aber genau dafür gibt es digitale Assistenten, die dem Management dabei eine große Hilfe sein können. Einfach Feedback zu geben, effizient Feedback „einzusammeln“ oder auch schnell Überblick über entscheidende Faktoren im kulturellen Transformationsprozess zu gewinnen wird erfolgskritisch.

Die bewährt wirksame Vorgehensweise zur Komplexitätsbewältigung der Digitalisierung ist die Anwendung eines digitalen Führungsassistenzsystems, mit dem die oben genannten Einzelstrategien des Misslingens erkennbar werden und die Strategien des Gelingens zu einer wirksamen Gesamtstrategie gebündelt werden können.

Mit welchen fünf Schritten Sie den kulturellen Wandel beschleunigen können, lesen Sie im Blog-Beitrag „Den kulturellen Wandel sinnvoll gestalten“.

[1] Dietrich Dörner: Die Logik des Misslingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen, 1989

[2] Werner Tiki Küstenmacher, Lothar J. Seiwert: Simplify your life. Einfacher und glücklicher leben, 2001

[3] Elisabeth Noelle-Neumann: Die Schweigespirale: Über die Entstehung der öffentlichen Meinung. In: Ernst Forsthoff & Reinhard Hörstel (Hrsg.): Standorte im Zeitstrom: Festschrift für Arnold Gehlen (S. 299-330). Athenäum, Frankfurt 1974
Elisabeth Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. Piper, Zürich/München 1980

[4] Gunter Dueck: Schwarmdumm: So blöd sind wir nur gemeinsam, Campus, Frankfurt 2015

[5] Stephen R. Covey; Die 7 Wege zur Effektivität, Gabal Verlag, Offenbach 2005

[6] Peter Kruse: Wie reagieren Menschen auf wachsende Komplexität? https://www.youtube.com/watch?v=m3QqDOeSahU

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Peter Kruse: Wie reagieren Menschen auf wachsende Komplexität?

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