Die mittelständischen Unternehmen müssen aufgrund vieler und verschiedener regulativer Anforderung
ihrer Stakeholder ein professionelles Risikomanagement als Methode betreiben. In der Praxis wird
dazu ein generischer Risikomanagementprozess eingerichtet, der durch Anpassungen an verschiedene
Kontexte mehrere verschiedene Regularien bedienen kann.
Praxis des Risikomanagements im Mittelstand
Die Prozessorientierung der Methode liefert eine fertige Strukturierung, die in der Praxis sofort
umgesetzt werden kann. Die Risikomanagementmethode wird idealerweise durch eine Risikomanagementsoftware
unterstützt, welche den Risikomanagementprozess vollkommen abbildet. Mit dem Reporting- und
Cockpitfunktionen der Software ist die Unternehmensführung immer im Bild über die Risiken.
Risikomanagement hat bereits Einzug im Mittelstand gehalten. Die Türen zum Einzug tragen die Namen
Produktsicherheit, Arbeitssicherheit, Business Continuity, Basel II, usw. Aber auch über Anforderungen
von Qualität und Umwelt kommt Risikomanagement über die Hintertür zum Tragen. Die relevanten Stakeholder
der Unternehmen, wie Investoren und Banken, Kunden, Zulieferer, Mitarbeiter, Umwelt und Öffentlichkeit
sind die Treiber für ein unternehmensweites Risikomanagement, welches das Ziel hat, die Risiken des
Unternehmens zu bewältigen. Die Führung des Unternehmens trägt sowohl aus dem unternehmerischen
Selbstverständnis, wie auch entsprechend der Anforderungen der verschiedenen Regularien die Verantwortung
für die Risiken. Die Führung des Unternehmens ist gefordert, Objektivität und Transparenz im Umgang mit
den Risiken des Unternehmens zu schaffen und aufrecht zu erhalten. Die Methode der Wahl dazu ist ein
zentraler und integrierter Risikomanagementprozess, der mehrere und unterschiedliche Anforderungen bedient,
und nicht viele differenzierte Risikomanagementprozesse, die jeweils irgendwo dezentral eine Anforderung bedienen.
Der Prozess
Für das Risikomanagement gibt es keinen so dominanten Standard wie die ISO 9000 für des Qualitätsmanagement. Dazu
geeignet ist der generische Steinbeis Risikomanagementprozess, der sich eng an die Norm IEC 62198 für
Risikomanagement anlehnt. Dieser generische Prozess besteht aus fünf Prozessabschnitten, die sich in ähnlicher Form
explizit oder implizit in einigen standardisierten Risikomanagementprozessen wiederfinden:
- Risiken festlegen
- Risiken identifizieren
- Risiken priorisieren
- Risiken bewältigen
- Risiken kommunizieren
Die Festlegung von Risiken (1) geschieht durch die Festlegung eines Kontexts für das Risikomanagement und die Festlegung
der Kriterien für Risiken. Das sind die Festlegung eines Bereichs, der in Bezug auf Risiken "gemanagt" werden soll,
die Definition, was das Risiko in diesem Bereich ist, die Ziele, was das Risikomanagement in diesem Bereich
erreichen soll. Hier wird spezifiziert und differenziert nach Produktrisiken, operativen Risiken aus dem Tagesgeschäft,
strategischen Risiken aus Veränderungen des Unternehmens und Veränderungen seines äußeren Wirkungsumfelds des Unternehmens,
Risiken im Finanzbereich, Risiken für die Umwelt, diverse Sicherheiten usw. Hier wird festgelegt, welche
(qualitativ) und wie viele Risiken bzw. wieviel (quantitativ) Risiko das Unternehmen auf sich nehmen kann und will.
Die Identifizierung von Risiken (2) erfolgt nach den Festlegungen der Kriterien aus (1), wo gesucht wird und was gesucht
wird, im Rahmen einer systematischen Suche. Die Systematik von Suchen, Finden und Identifizieren ist individuell an den Kontext
angepasst.
Die Priorisierung von Risiken (3) folgt dem festgelegten Ordnungsprinzip aus (1) nach dem Kriterium der Relevanz. Relevanz
ist ein unternehmens- und situationsspezifischer Begriff, der weitere Kriterien, wie Größe, Dringlichkeit, Vernetzung
u.a. berücksichtigt. Die Priorisierung von Risiken folgt auf der einen Seite objektiven Kriterien, wie Schadensausmaß und
Eintrittswahrscheinlichkeit als die beiden klassischen Risikokennzahlen, sowie innovative Kennzahlen für die Dringlichkeit und für
die Vernetzung von Risiken. Zur dieser rationalen und objektiven (mit dem Kopf) Priorisierung von Risiken kommen durchaus auch
emotionale und subjektive (aus dem Bauch) Kriterien, die persönlich, zeitlich und situativ individuelle Schwerpunkte setzen.
Die Bewältigung von Risiken (4) ist der Kernprozess des Risikomanagements. Bewältigung ist ein schillernder Begriff,
der individuell für das Unternehmen zu definieren ist. Die Bedeutung von Bewältigung reicht von "Das Risiko ist bekannt.", bis
zu "Das Risiko ist gebannt." Üblicherweise gibt es für die Bewältigung der Risiken Zielvorgaben aus (1), die konkrete
Vorgaben für ein so genanntes Restrisiko, mit dem das Unternehmen nach der Bewältigung der Risiken leben muss. Die
Bewältigung von Risiken ist nach guter Tradition des Qualitätsmanagements ein zyklischer und geregelter Prozess, der
die aus der ISO 9000 bekannten Schritte des Normkapitels 8.5 mit dem Titel Verbesserung enthält.
- 8.5.1 kontinuierliche Verbesserung
- 8.5.2 Korrekturmaßnahmen
- 8.5.3 Vorbeugungsmaßnahmen
In der Interpretation für Risiko bedeuten diese Abschnitte die permanente Entwicklung der Organisation zur
besseren Bewältigung von Risiko, das reaktive Risikomanagement nach einem Schadensereignis und das proaktive
Risikomanagement vor einem Schadensereignis. An diesen drei Schrauben wird solange gedreht, bis die Ziele der
Risikobewältigung erreicht sind. Hier ist die enge verwandtschaftliche Beziehung von Qualitäts- und
Risikomanagement offensichtlich.
Die Kommunikation von Risiken (5) ist im Wesentlichen ein Berichtswesen, welches über Risiken und über Risikobewältigung
zeit- und ereignisgetriggert formal informiert. Das Berichtswesen umfasst einen klassischen Teil, der formalen
Anforderungen von Regularien entspricht und einen innovativen Teil, der z. B. als Risikocockpit mit der
Risikomanagementsoftware realisiert wird und in Bezug auf Aktualität und Vernetzung von Information zusätzlichen Nutzen
für die Unternehmensführung bringt.
Die Organisation
Risikomanagement bedarf einer Organisation, die den Risikomanagementprozess trägt. Eine zentrale Funktion in der
Unternehmensführung koordiniert das Risikomanagement. Diese Funktion trägt oft den Titel Risikomanager oder Risikoverantwortlicher,
obwohl sie weder Risiko managt, noch Risiko verantwortet. In dieser Koordinierungsfunktion laufen alle Anforderungen
an das Risikomanagement und alle Entsprechungen aus dem Risikomanagement zusammen. Dieser Mitarbeiter muß über eine
entsprechende Fachkompetenz zum Management von Risiken verfügen und in der Lage sein, in einer interdisziplinären
Schnittstelle zu wirken. Diese zentrale Funktion managt den Risikomanagementprozess. Dezentrale Funktionen in allen
Fachabteilungen managen die Risiken. Das sind keine zusätzlichen Mitarbeiter, sondern das ist die Risikoperspektive
der Mitarbeiter, die in ihrer Fachkompetenz tätig sind. Die können ihre Risiken am besten bewältigen. Die Verantwortung
ist und bleibt in ihrer Gesamtheit bei dem Unternehmer und der Unternehmensführung. Das Konzept entspricht dem der
obersten Leitung aus dem Qualitätsmanagement.
Die Software
Eine prozessorientierte Risikomanagementsoftware unterstützt die Methode, indem sie die einzelnen Abschnitte
des Risikomanagementprozesses konsequent abarbeitet. Es ist wichtig, , daß Methode und Software nach derselben
Prozessstrukturierung vorgehen, weil es nur so einen großen Nutzen durch folgt den generischen Software gibt.
Die Risikomanagementsoftware Vision.iC Prozesschritten 1 bis 5, die Sie von den Festlegungen des Kontexts
über die Dokumentation der Bewältigung bis zur Information mit Reports und mit einer Cockpitanzeige unterstützt.
Die unterschiedlichen Regularien
Die meisten Anforderungen unterschiedlicher Regularien lassen sich mit Hilfe dies generischen Risikomanagementprozesses
erfüllen. Dazu sind in der Regel spezifisch methodische Anforderungen in den spezifischen Fachabteilungen umzusetzen,
diese spezifischen Umsetzungen zu dokumentieren und durch spezifische Berichte zu kommunizieren. Die Nutzung des
generischen Risikomanagementprozesses anstelle spezifischer Risikomanagementprozesse verringert die Komplexität.
Die Unternehmensführung hat mit dieser Prozessstruktur die Übersicht und die Detailsicht auf die Risikosituation des
Unternehmens. Aus Sicht der Regularien ist dann auch zu entscheiden, ob und welche Auditierungen und Zertifizierungen
erforderlich sind.
Autor: Dr. Peter Meier
Die vollständige Version dieses Artikels ist erschienen: Peter Meier, „Praxisleitfaden des operativen
Risikomanagements - Prozessorientiertes Vorgehen für den Mittelstand"; Weka Verlag, Kissing,
2007 (ISBN 3-8276-6701-4)